Haltungsfehler der Bogenhand im Zusammenhang mit dem Visieren

Hier sollen nur Haltungsfehler im Zusammenhang mit der Bogenhand betrachtet werden. Aber prinzipiell haben alle Haltungsfehler innerhalb der physiologischen Schußzeit und -beim Recurve- der Klickerphase Auswirkungen, die die Trefferlage sehr stark beeinflussen. Außerdem geht es hier nur um Visierschützen, das Visieren des Blankbogenschützen ist hinsichtlich der benutzbaren Visiermarken an der Waffe (Pfeilspitze und Sehne) unüberschaubar von individuellen Gegebenheiten geprägt und nicht direkt beschreibbar. Von irgendwelchen sprachlichen Mätzchen wie "Instinktiv-" oder "Intuitiv"schießen ganz abgesehen. Diese gehören in den Bereich der pseudowissenschaftlichen Plauderei am Lagerfeuer...

Druckpunkt in der Bogenhand

Mit "Druckpunkt" ist hier die Stelle in der Bogenhand gemeint, von dem direkt ab dem Vorzug (Positionierung der Bogenhand am Bogen) die Gegenkraft in den Bogenarm geleitet wird. Die Übertragung seitlicher Kräfte würde sofort eine Bewegung des Bogenarmes um sein Schultergelenk hervorrufen und so zusätzliche Drehmomente um dieses Schultergelenk provozieren.

Der mögliche Haltungsfehler ist eine Verlagerung des Druckpunktes am Griff in vertikaler und horizontaler Richtung. Die Auswirkungen sind hier in diesem Artikel ausführlich beschrieben. Sie sind durch eine richtig ausgewählte Stabilisation minimierbar.

Das gilt für beide Bogenarten, Compound und Recurve. Selbstverständlich wird ein Griff, der sehr klein ist und damit die Möglichkeiten die Lage des Druckpunktes zu ändern einschränkt, Vorteile bieten. Beim Recurve wird man aber bald auf Grund der hohen Endhaltekräfte an eine Komfortgrenze stoßen.

Festhalten des Bogengriffes

Wird der Bogengriff richtig fest gehalten, kann sich beim Spannen des Bogens im Bogenhandgelenk/um den Griff selber ein Drehmoment aufbauen.

Dieses Drehmoment wird in Compoundkreisen "Torque" genannt. "Torque" heißt nichts anderes als Drehmoment... Es wird an der Handoberfläche durch Schubspannungen (Scherspannungen) übertragen. Der Hebelarm ist der senkrechte Abstand der Auslenkung der Wurfarmspitze (bzw Cam) gegenüber der Hochachse im Endauszug. Die korrespondierende Kraft ist in erster Näherung die Endhaltekraft. Dieses Drehmoment zwingt dem Bogen die geänderte Schußrichtung auf, in der der Pfeil abgeschossen wird. Es dreht den Bogen auch im Schuß dynamisch weiter, aber da wirkt die Stabilisation. Ganz davon abgesehen, dass diese weitere Winkeländerung gegenüber der statisch aufgeprägten belanglos klein ist.

Es tauchte die Frage auf, ob diese Schubspannung und damit das Drehmoment gemessen werden kann. Soweit mir bekannt, ist es möglich, mit DMS und Wheatstone-Brückenschaltung Schubspannungen an der Oberfläche zu messen. Ob es an organischen Bauteilen (Hand) möglich ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Im Übrigen wäre diese Messung ohne jeden praktischen Nährwert.

Beim Recurve dreht die hohe Endhaltekraft den Bogen mit Sicherheit in die Zugrichtung, die durch den Anschlag im Gesicht und die Zielrichtung vorgegeben ist. Ein Verdrehen des Bogens durch die Bogenhand um seine Hochachse wird im Endzug, beim Visieren nur durch brutale Gewalt möglich sein. Passiert das trotzdem, tritt ein starker Zielfehler auf, weil halt die Visierlinie Visierkorn - Lage der Sehne im Endauszug nicht mehr mit der zugeordneten Schußrichtung der Waffe übereinstimmt.
Das sieht beim Compound anders aus. Durch die geringen Endhaltekräfte ist es möglich, den Bogen im Endzug, beim Visieren mit der Bogenhand um die Hochachse (durch den Griff des Bogens) zu drehen. Das machte mir ein befreundeter Compoundschütze in einem kurzen Video klar. Weiterhin bewegen sich die Cams beim Compound beim Spannen nicht in Richtung Gesicht des Schützen, sondern zur Pfeilachse hin. Dadurch wird das Torque, das notwendig ist, die Richtung des Bogens auszulenken zusätzlich kleiner (weil der Hebelarm gegenüber einem Recurve konstant bleibt und sich nicht vergrößert). Die Konsequenz ist:
Dann stimmt die Visierlinie Peepsight-Scope nicht mehr mit der zugeordneten Richtung der Waffe überein, die Trefflage wird sich sehr deutlich ändern.

Skizzierter Zusammenhang:

Zum besseren Verständnis habe ich eine Skizze zugefügt. Hier ist sie aufzurufen Sie ist von den Längenverhältnissen und den Kraftgrößen maßstäblich. Der Winkel wurde zur besseren Anschaulichkeit stark vergrößert.

Daraus ergibt sich :

Torque= a * FZug * tan α

Dieser Fehler wird weit stärkere Auswirkungen auf die Trefflage haben als die Änderung des Druckpunktes.

Wie groß muß das Torque bei einem Recurve und bei einem Compound sein, um einen Visierfehler von 1° zu erzeugen?
Der Recurve soll eine Endhaltekraft von 200N haben, eine Auszugslänge von 75cm und einen Sehnenstand von 20cm. Dann wird der Hebelarm "a" im Vollauszug 47,5cm betragen, wenn man mein Modell zu Grunde legt.
Beim Compound gehen folgende Werte in die Rechnung ein: Endhaltekraft 50N, der Hebelarm "a" entspricht dem Sehnenstand von 20cm.

Beim Recurve muß ein Torque von ca 1,6 Nm aufgebaut werden, beim Compound ca 0,17Nm

Das ist nicht viel, und 1 Grad enspräche bei 1m Visierlänge rund 17mm Visierverstellung.

Auch die Stabilisation hat da keinen Einfluss, weil sie nur dynamisch wirkt, und dieser Fehler im quasistatischen Teil der Schußdurchführung auftritt. Der Grund ist die direkte Winkeländerung zwischen Visierrichtung und Schussrichtung der Waffe. Je weiter das Scope nach vorne, Richtung Ziel gelagert ist, umso stärker wird sich dieser auswirken. Oder, ist das Scope in der Hochachse angeordnet, also in der Achse um die der Bogen gedreht wird, tritt durch Verdrehen kein Zielfehler auf.

Möglichkeiten, diesen Fehler zu vermeiden, bzw die Auswirkung zu minimieren.

Das Mittel der Wahl ist, die Bogenhand locker zu lassen, konsequent nur Druckkräfte zuzulassen, also die Finger offen, und auch nicht abgespreizt. Ein guter Ausbilder hat Trainingsverfahren, seine Schützlinge da zu trainieren. Es muß nur konsequent durchgeführt werden.

Das technische Mittel der Wahl ist, den Bogengriff so klein und so einfach wie möglich zu gestalten. Er soll schmal sein, glatt, mit klaren eindeutigen Kanten, an denen man die Ausrichtung der Bogenhand sehr sauber und reproduzierbar überprüfen kann. Merke:
Handschmeichler jeglicher Art sind in 90% der Fälle keine guten Waffengriffe

Technische Möglichkeiten beim Compound

Beim Compound besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, den Bogen im Endauszug zu verdrehen. Technische Möglichkeiten, die Auswirkungen zu minimieren wären:

  1. Das Scope nicht soweit herausfahren, näher zum Bogen
  2. Die Endhaltekraft erhöhen (niedriger Let Off Wert)
  3. Verlegung des Pfeilanlagepunktes hinter die vermutete Drehachse

1) und 2) sind selbsterklärend. Die dritte Möglichkeit ist charmaziös...
Liegt der Pfeilauflagepunkt hinter der Torque-Achse (Overdraw) und das Scope davor (Auch andersrum ist denkbar...) bewegt sich beim Verdrehen des Bogens der Pfeilauflagepunkt in die entgegengesetzte Richtung des Scopes. Es ist daher möglich, da eine Abstimmung zu finden, bei der sich die beiden Bewegungen gegenseitig aufheben und so der durch das Torque erzeugte Visierfehler keine seitliche Trefferverschiebung verursacht. Die Rechnung findet sich weiter unten.
Die dynamische Abweichung bleibt selbstverständlich erhalten.

Auf den ersten Blick ist diese Lösung wirklich charmant... Nur,

Änderungen nach Hinweisen eines befreundeten Users eingebracht. 15. Juni 2016, 19:00h

Extension des Visieres und Overdraw, Berechnung

Der Compound interessiert mich nur wenig, es ist aber eine interessante Fingerübung, mal nachzurechnen, was da eigentlich passiert. Dazu muß man erstmal ein paar Definitionen festlegen...

Definitionen:

Die Grundlage dieser einfachen Rechnung ist:
Das Torque verursacht einen Ziel-Winkelfehler, weil das Scope nach einer Seite willkürlich verschoben wird.
Diese Verschiebung wird ausgeglichen, indem die Pfeilauflage soweit in entgegengesetzter Richtung verschoben wird, dass sich die Azimuthrichtung des Pfeiles um genau diesen Winkel in die andere Richtung ändert. Wenn man kleinere Vereinfachungen einführt, das ist bei kleinen Winkeln immer zulässig, hier geht es ja nicht um Gravitationswellen, ist die Rechnung einfach und läuft auf eine quadratische Gleichung raus:

Beispielsweise kriegt man bei einer Auszugslänge von 75cm und einer Extension von 10cm einem Overdraw von 8cm heraus, also nach DSB Regeln nicht zulässig. Bei einer Extension von 7cm klappt die vollständige Kompensation des Torque.

Zur Illustration ein Bild der Funktion:

Artikel nach Hinweisen eines befreundeten Compounders geändert. Dankeschön für die Mitarbeit.

Ergänzt am 28. Sep.2016
World Archery Rules, Book 3, Chapter 11, Zitat:
11.2.1.5. The pressure point of the arrow rest which can be adjustable shall be placed no further back than 6cm (inside) from the throat of the handle (pivot point of the bow).
Wird diese Regel eingehalten, dann darf der Ausleger des Scopes beispielsweise Bei einem Auszug von 75cm nicht länger sein als ca 7cm, damit die Bedingung, einer vollständigen Eliminierung des Torque eingehalten werden kann. Ist die Extension größer, wird nur eine Verkleinerung des Zielfehlers möglich sein.

Das Urheberrecht an diesem Artikel liegt, wie alles auf meiner Website bei mir. Die Verwendung dieses Artikels zur Weiterbildung im Verein ist ohne Anfertigung von Kopien gestattet.

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